• „Wann hast Du denn deinen nächsten Termin?“

    Eine einfache Frage, die ich Driss (Name geändert) stelle. Er lächelt nur schwach, zuckt mit den Schultern und zeigt mir seinen Laufzettel. Der Laufzettel ist das wichtigste Dokument eines jeden Flüchtlings, doch zuerst einmal von Anfang.

    In Deutschland besteht eine Ausweispflicht, das heißt dass jeder, der das 16. Lebensjahr vollendet hat, sich ausweisen können muss. Normalerweise funktioniert das ganz einfach, man beantragt einen Personalausweis auf der Stadtverwaltung und kann diesen nach kürzerer oder auch längerer Wartezeit abholen. Was allerdings machen Flüchtlinge, die im Chaos der Flucht all ihr Hab und Gut verloren haben oder es gar nicht erst mitführen konnten? Oder diejenigen, deren Papiere mutwillig von Anderen zerstört wurden?

    Alle Flüchtlinge, die in Karlsruhe ankommen, bekommen einen sogenannten Laufzettel. Auf diesem steht auf der Vorderseite Angaben zur Person, wie Name und Herkunftsort und manchmal auch die Anzahl der Kinder. Auf der Rückseite gibt es verschiedene Rubriken verschiedener Institutionen, die ein Flüchtling durchläuft, wenn er in Deutschland ankommt. So gibt es beispielsweise einen Stempel für „Hygieneartikel ausgeteilt“ oder für das Datum der Ankunft in Deutschland.

    Doch der Laufzettel fungiert nicht nur als das wichtigste Ausweispapier, das die Flüchtlinge besitzen, sondern soll auch als Abarbeitungszettel für sämtliche Termine und Anträge, die eingehalten oder gestellt werden müssen. Wenn Flüchtlinge in Karlsruhe nur einen Laufzettel haben und keine anderen ausgestellten Papiere, konnten Sie meistens noch keinen offiziellen Asylantrag stellen und ihre Ankunft wurde oft noch nicht formal registriert. Doch ohne offizielle Registrierung gibt es auch keine Arbeitserlaubnis.

    Aber warum stellt ein Flüchtling nicht einfach einen Asylantrag und geht zu offiziellen Terminen?

    Ganz einfach. Als Driss mich fragte, ob ich ihm sagen könne wann er den nächsten Termin hat, musste ich erst einmal schlucken. Der Laufzettel enthielt zu kommenden Terminen keinerlei Informationen, lediglich abgearbeitete Termine waren mit einem Stempel belegt. Es brauchte gute 5 Minuten bis ich erst einmal den Zettel verstanden hatte und er ist in meiner Muttersprache verfasst. Wie soll also jemand, der nicht die Sprache spricht einen solchen Zettel verstehen respektive die Termine einhalten, die er einhalten muss um eventuell eine Arbeitserlaubnis zu erlangen, wenn er nicht einmal weiß, wann er den nächsten Termin hat?

    Ich musste Driss leider sagen, dass ich selbst nicht weiß, für wann der nächste offizielle Termin angesetzt ist. „Schade“ sagt er und steckt seinen Laufzettel wieder ein. „Schade“ denke auch ich und mir kommt in den Sinn dass ich vermutlich in meinem eigenen Heimatland als Flüchtling nicht aufgenommen werden würde. Aufgrund der Bürokratie. Schade eigentlich.