• Roti, Mangos und andere Gaumenfreuden

    Was die Gastfreundschaft angeht, das habe ich schon in meinen 5 Monaten in Indien gemerkt, da können wir Deutschen wirklich noch was lernen. Auch hier in meiner Heimat wurde mir dies nun wieder bewusst, als mich Amin und Sakima, ein pakistanisches Ehepaar, zu sich ins Asylheim einladen, um mir dort ihre Geschichte zu erzählen. Wir haben uns am Tag davor auf einer von dem Projekt „Tasse Tee“ organisierten Wanderung kennen gelernt und sehr schnell gut verstanden; vor allem nachdem wir feststellten, dass mein Lieblingsbollywoodfilm (der einzige, dessen Titel ich noch kenne) auch Amins Favorit ist. Sofort begann er, mir mit Leidenschaft das Titellied zu singen. Schon auf der Wanderung haben mir die beiden viel von sich erzählt. Während des gemeinsamen Picknicks kommen wir auch auf das Thema Essen zu sprechen. Sakima kann nämlich nur recht eingeschränkt essen und hat damit gerade im Asylheim größere Probleme. Sie ist Vegetarierin und verträgt Milchprodukte nicht gut. Seit dem Alter von fünf Jahren isst sie kein Fleisch mehr. Damals war sie bei der Opferung eines Tieres mit dabei und weiß nur noch, dass ihr das Blut ins Gesicht gespritzt ist und sie seitdem nie wieder Fleisch gegessen hat. Mittlerweile haben sie es geschafft, dass sie andere Lebensmittel bekommen, die Sakima essen kann. Am liebsten mag sie Obst, erzählt sie und berichtet mir wehmütig von der Mangosaison, die jetzt gerade in Pakistan ist. Mangos aus Pakistan seien die besten der Welt, versichern sie mir. Ich beschließe Ihnen bei meinem Besuch am nächsten Tag Mangos mitzubringen. Die beiden beginnen mich auszufragen welche Gerichte ich aus Indien kenne, die es auch in Pakistan gibt. Als ich von Roti schwärme (ein Brot, ein bisschen wie Wraps aber weicher und irgendwie anders) verspricht Sakima mir, dass sie morgen, wenn ich komme, für mich Roti machen wird. Ich weiß nicht genau, wie ich auf diese Ankündigung reagieren soll, möchte ich doch nicht, dass sie sich meinetwegen Umstände machen.

    Als ich am nächsten Tag, mit Mango im Gepäck, pünktlich um 4 an ihrer Zimmertür klopfe, öffnet mir Amin. Er strahlt übers ganze Gesicht und winkt mich herein. Mit großem „Hallo“ werde ich von ihm und auch von seinen Mitbewohnern, ebenfalls ein Ehepaar, in ihrem gemeinsamen Zimmer willkommen geheißen. Die Frau kann nicht aufstehen. Sie hat  vor einigen Monaten auf ihrer beschwerlichen Reise nach Deutschland ein Kind bekommen…in einer Hütte, ohne medizinische Grundversorgung. Sie hat Wunden erlitten, die sich entzündet haben. Erst letzte Woche hatte sie hier in Deutschland eine OP, aber die Schmerzen sind immer noch schrecklich. Trotz ihres schlechten Zustandes drückt sie mir die Hand und dankt mir für mein Kommen. Amin führt mich wieder aus dem Zimmer heraus und grinst beinahe spitzbübisch, während er mich in die heruntergekommene Küche führt. Er will Sakima mit mir überraschen. Dieses Vorhaben wird leider davon vereitelt, dass sie mit dem Gesicht zu uns steht. Auch sie strahlt mich an und hält ihre teigigen Finger in die Höhe. Die Roti seien noch nicht ganz fertig, meint sie lachend und küsst mich auf beide Wangen. Ich soll doch schon mal mit Amin ins Zimmer zurückgehen, um die Geschichte zu schreiben. Kaum sitze ich im Zimmer, wird mir Wasser angeboten und Amin schickt seinen Mitbewohner mit einem Teller voll Gemüse zur Tür hinaus. Er soll Salat machen. Eine Viertelstunde später sitze ich nicht nur mit einem vollgeschriebenen Blatt vor mir da, sondern auf dem Tisch steht ein Teller mit herrlich duftenden Roti, eine Schüssel mit Bohnencurry und ein Teller mit aufgeschnittenen Gemüse. Amin entschuldigt sich. Eigentlich könnte sein Mitbewohner bessere Salate machen. Sein Lieblingssalat sei ein Karottensalat mit Kirschen. Ich bin erstaunt über die Kombination, aber ich nehme mir fest vor, das daheim einmal auszuprobieren. Ich weise seine Entschuldigung energisch zurück und beteuere mehrmals, wie begeistert ich von allem bin und wie gut es schmeckt. Von Sakima lasse ich mir sofort das Rezept für die Roti geben. Ich habe daheim nämlich auch schon probiert indisches Brot zu backen und es hat nicht halb so gut geklappt. Wasser, Salz und Mehl, das ist alles. Eine Mengenangabe kann sie mir leider nicht geben. Sie macht das nach Gefühl, meint sie.  Nach dem Essen verabschiedet sich Amin. Er trifft sich noch mit einer Beraterin. Nun komme ich dazu mit Sakima zu sprechen. Sie erzählt  mir viel aus ihrem Leben und wie es sich verändert hat, nachdem sie Amin kennen gelernt hatte. Als wir auf das Thema Liebe zu sprechen kommen, macht der Mitbewohner einen lustigen Kommentar, für den er von Sakima aus dem Zimmer gescheucht wird.  „Love is life, life is wife, wife is knife, knife cuts the life.“ Das sei ein Sprichwort, welches sie schon aus Pakistan kennt, erklärt mir Sakima. Bevor ich mich verabschiede, teilen wir noch die Mango und auch für Amin wird ein Rest aufgehoben. Sie ist zwar nicht aus Pakistan sondern aus Brasilien, aber sie sei dennoch sehr gut, versichert mir Sakima.

    Ich habe wieder einmal erlebt, dass es nicht darauf ankommt, in einem schönen Zimmer zu sitzen, mehrere verschiedene Geschirrsets zu haben und das Essen in einer High-Tech-Küche zuzubereiten. Was wirklich zählt, ist die Wärme und Offenheit, mit der die Menschen, mit denen du das Essen teilst, dir begegnen.