• Kaffee vor der Bibliothek

    Vor zwei Wochen haben wir einen pakistanischen Flüchtling, Ali, bei einer Teestube in Karlsruhe kennengelernt. Er floh vor der Taliban, die derzeit zahlreiche Anschläge in Pakistan verübt. Vor weniger als zehn Tagen hatten sich in Lahore im Osten von Pakistan noch Selbstmordattentäter beim Versuch des Eindringens in eine vollbesetze Kirche in die Luft gesprengt und vierzehn Menschen getötet. Ende 2014 hatten die Taliban bereits in einer Schule in Peshawar in Nordpakistan nahe der Grenze zu Afghanistan einen Anschlag in einer Schule verübt, bei dem 148 Menschen getötet wurden, darunter mehr als 130 Kinder. Dies war gleichzeitig der Anschlag mit den meisten Todesopfern in Pakistan, der jemals verübt wurde. Die Taliban verüben, laut Erzählungen von Ali, die Anschläge sowohl gegen die christliche Minderheit als auch gegen die sunnitische Mehrheit in Pakistan, zu der Ali gehört. Aus diesem Grund kommen derzeit einige pakistanische Flüchtlinge zu uns nach Deutschland.

    Ali treffe ich seit einiger Zeit nicht mehr in der Teestube, sondern in der Karlsruher Bibliothek. Ich lerne für meine Klausuren, Ali und einige pakistanische Freunde von ihm lernen Deutsch. Aus Eigeninitiative sind sie auf die Idee gekommen, sich in einer Karlsruher Bibliothek zu informieren, ob sie einen Ausweis bekommen können, mit dem Vermerk, dort gerne Deutsch lernen zu wollen. Die Bibliothek sagte ausnahmsweise zu und seitdem trinke ich nachmittags ab und zu mit pakistanischen Flüchtlingen einen Kaffee vor der Bibliothek, statt mit meinen deutschen Freunden. Nach und nach lerne ich andere Flüchtlinge aus Pakistan kennen, die alle vor den Anschlägen der Taliban kennen. Adil ist 26 Jahre alt und hat in Lahore Finance studiert. Vor seiner Flucht war er kurz davor, mit dem Schreiben der Bachelorarbeit zu beginnen. Nun hat er sich in der Bibliothek schon informiert, wo und wie er sein Studium in Deutschland fortsetzen kann. Gestern erzählte er mir, dass er eine Möglichkeit gefunden hat, seine Bachelorarbeit in Frankfurt an einer Fernuniversität zu schreiben.

    Auch andere pakistanische Flüchtlinge, denen es augenscheinlich schlechter geht, lerne ich über Ali kennen. Adnan und Bilal sind beide knapp vierzig Jahre alt und werden kein Studium mehr anfangen. Wir unterhalten uns über Musik, in Pakistan und in Europa, denn Adnan ist Sänger und würde gern in Deutschland auftreten. Ich verspreche ihm, nachzufragen, ob er auf dem KIT-Unifest im kommenden Frühjahr auftreten kann; vermute allerdings bereits, dass pakistanische Musik in Deutschland nicht so gut ankommen wird. Die beiden erzählen, dass sie am Wochenende in einer Karlsruher Disko waren und dort ein pakistanischer Song gespielt wurde. Angeblich singt Adnan in ähnlicher Art und Weise, wie in Bollywood-Filmen wie Slumdog Millionaire zu hören. Nach einiger Zeit verabschiede ich mich und gehe zurück in die Bib, um weiter zu lernen. Die Begegnung war interessant und unterhaltsam; und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie diese pakistanische Flüchtlinge bald bestens integriert inmitten unserer Bevölkerung leben.

    Am darauffolgenden Tag lerne ich bis kurz vor Mitternacht in der Bibliothek, da eine Klausur ansteht. Beim Gang nach draußen treffe ich zufällig Adil, der auch noch in der Bibliothek sitzt und lernt. Obwohl keine Klausur ansteht. Ich bin beeindruckt von dem Engagement und Willen, mit dem diese pakistanischen Flüchtlinge versuchen, sich aktiv ein Leben in Deutschland aufzubauen und sich in die Gesellschaft einzubringen.

    Namen aus Gründen der Privatsphäre geändert. Artikel vom 24.03.2015