• Jagos Krstic

    Wir treffen Jagos Krstic in einer Flüchtlingsunterkunft in Karlsruhe. Zusammen mit einem serbisch-sprechenden Sicherheitsmann aus dem Heim klopfen wir an jedem Zimmer und fragen die Familien, teils auf Serbisch, teils auf Englisch, ob sie uns Ihre Lebensgeschichte erzählen möchten. Viele sind freundlich zu uns, sagen aber nein. Dann kommen wir in das Zimmer von Jagos Krstic und seiner Familie. Im heruntergekommenen Zimmer sticht vor allem seine Mutter ins Auge, die eine Erscheinung ist. Von Anfang an guckt sie abweisend von uns weg aus dem Fenster; auch als wir unser Vorhaben auf Englisch erklären, schaut sie uns nicht an. Stattdessen ruft sie mit angespannter und aggressiver Stimme Dinge in den Raum, die wir leider nicht verstehen. Jagos Krstic und seine 14-jährige Tochter hören uns jedoch aufmerksam zu und signalisieren Gesprächsbereitschaft. Zusammen gehen wir in die Küche, in der die Waschmaschine laut schleudert und immer wieder andere Flüchtlinge hereinkommen, um ihre Wäsche abzuholen oder sich etwas zu essen zu machen. Nach einiger Zeit kommt doch noch die Mutter von Jagos Krstic an unseren kleinen Tisch in der Ecke des Raumes hinzu; einige Minuten später sollten wir Ihr erstes Lächeln sehen.

    Bereits nach wenigen Fragen, die wir Jagos Krstic auf Englisch stellen, wird klar, dass er ein Fall ist von vielen. Er bezeichnet sich und seine Familie als „Gypsy“, sie gehören wohl zur Minderheit der Roma. Nahezu 100% aller Asylanträge von Roma werden derzeit in Deutschland abgewiesen, da Armutseinwanderung keine Rechtfertigung für das Entgegenbringen von Asyl ist. Krstic wirkt niedergeschlagen, aber nicht hoffnungslos. Davon, dass die meisten Roma in Deutschland abgeschoben werden, behauptet er, nichts zu wissen.

    Jagos Krstic ist 39 Jahre alt und wurde in der zweitgrößten Stadt Serbiens, Nis, geboren. Bis zum Jahr 1990, so erzählt er, geht es ihm und seiner ersten Frau, mit der er zwei Kinder hat, relativ gut. Ab 1990, geschuldet durch einen Politikwechsel in Serbien, wurden die Roma zunehmend unterdrückt und im öffentlichen Leben benachteiligt. Krstic zieht nach Belgrad, scheidet sich von seiner Frau und heiratet erneut. Finanziell geht es der Familie relativ gut, Krstic arbeitet als Übersetzer Serbisch-Englisch beim Regionalen Zentrum für Minderheiten in Belgrad. Sein gesprochenes Englisch ist verständlich, schreiben kann er jedoch nicht. Englisch brachte sich Krstic durch das Ansehen englischer Filme bei. Auf die Frage, ob er sich eher zur Oberschicht, Mittelschicht oder Unterschicht zählen würde, antwortet er direkt, zur Unterschicht. Dies liegt also nicht an finanzieller Not, sondern an der Unterdrückung gegenüber der Minderheit der Roma. Seine Tochter aus erster Ehe erzählt uns, dass sie in der Schule geschlagen wird und immer schlechte Noten bekommt, obwohl sie angeblich ein intelligenter Mensch ist. Krstic erzählt, dass die Tochter lediglich eine Freundin in der Schule hatte, bis diese gegangen ist. Nachdem Krstic erfahren hatte, dass seine Tochter in der Schule geschlagen wird, entscheiden sie, zu fliehen. Sie steigen in einen Bus in Richtung Zagreb und reisen vier Tage, bis sie mit einem anderen Bus in Karlsruhe landen.

    Krstic spricht nun mit uns über seine Zukunft in Deutschland. Er hofft, seine Tochter demnächst in die Schule schicken zu können und selbst Deutsch zu lernen. Langfristig möchte er Arbeit in Deutschland finden, ist jedoch selbst etwas skeptisch, ob das mit den vorhandenen Qualifikationen möglich ist. Wir wünschen uns, dass die Pläne von Krstic für seine Familie klappen und freuen uns über seine Hoffnungsschimmer, die jetzt immer wieder in seinen Augen aufblitzen. Auf der anderen Seite ist uns bewusst, dass Krstic höchstwahrscheinlich zeitnah abgeschoben wird und wir seinen letzter Wunsch, „nie mehr zurück nach Serbien“, nicht erfüllen können werden.

    Nach dem Gespräch bitten Krstic und seine Tochter uns, Ihnen einen Gefallen zu tun. Die Tochter, die aus Krstics erster Ehe stammt, hat ihre Mutter seit der Flucht noch nicht erreichen können. Sie hat zwar ein Smartphone mitsamt Facebook-Account, jedoch keinen in Deutschland gültigen Telefonvertrag. Also leihen wir ihr unser Smartphone und lassen sie ihrer Mutter eine kurze „Wir leben noch“-Mitteilung senden. Bis heute ist keine Antwort eingetroffen…